Ein schriller Pfiff mit der Trillerpfeiffe und energisches Armefuchteln als ich die (unbefahrene) Strasse zur Toilette überqueren möchte. Huch, was war das denn? Der Wachmann winkt energisch und bedeutet mir an, dass ich weiterzugehen habe. Alle anderen reihen sich schnell ein um ganz züchtig und gesittet auf dem Bürgersteig entlang zu gehen. Eine Frau zeigt mit dem Arm, dass man erst den ganzen Weg nach unten zu laufen hat und erst ganz unten die Strasse überqueren darf um dann das ganze Stück den Hang wieder zurückzulaufen. So was unsinniges! Aber nun ja, Vorschrift eben. Gibt das Sicherheit? Ich denke darüber nach, ob das Sicherheit gibt. Noch ganz versunken in diesen Überlegungen empfängt mich eine Wolke aus Urin, Kot und Jasminblütenduft. Aha, die Toilette ist nicht weit. Ich betrete sie und im zwielichten Gang stehen Frauen, die sich die Sari´s umbinden. Ich kann fast nicht atmen, so beissend ist der Geruch. Kinder stehen an den Becken um sich die Hände zu waschen. Es ist total dunkel, und daher braucht es eine Weile, bis sich die Augen an das Dunkel gewöhnen. Ich stelle fest, dass meine Füsse nass werden, warum das denn…? Ich schaue nach unten, sehe eine Pfütze, doch die Pfütze ist auf der ganzen Fläche. Ah nee, das ist KEIN Wasser….das ist….Urin…. Wie jetzt….die Kinder da an den Becken stehen im Urin? Ja, einschließlich ich und die meinen, weil die gesammte Toilette unter Urin steht…. Wie….ich soll hier auf Toilette gehen? Oh nee, dass ich aber auch so arg muss, nichts zu machen. Ich muss eben. Doch so schnell komme ich eh nicht rein, denn mitten drinne, also im Urin wohlbemerkt, sitzt im Zwielicht noch diese zahnlose Frau ohne Finger, wie ich nun sehe, die mich mit strengem, fordernden Blick um Geld anbettelt. Die anderen Frauen werden in Ruhe gelassen, aber ich sehe wohl aus, als ob es sich bei mir lohnt. Ich lächle sie liebevoll an und bedeute ihr, dass ich keine Rupies mit mir führe. Sie glaubt mir das aber nicht und wird böse, begehrt auf und alle weichen erschrocken darüber vor ihr zurück, holen schnell ein paar Rupies raus. Doch das kümmert sie nicht, sie berührt mich am Saum, hält mich mit ihrem Unterarm fest und funkelt mich mit ihren dunklen Augen an. Zischelt Worte. Die anwesenden Frauen erschrecken noch mehr und weichen noch weiter zurück. Ich weiss nicht so recht, wie ich mich verhalten könnte, fühle einfach in mein Herz und berührte  ganz sanft und liebevoll ihre Haare. Ich schaue ihr dabei fest in die Augen und sage ihr nochmals, dass ich keine Rupies mit mir führe, denn JA, ich habe tatsächlich keines, denn Guido hatte den Geldbeutel und warum um Himmels Willen sollte ich sie denn anlügen? Sie schaut mich entgeistert an, ihre Augen werden ganz weit. Sie sagt etwas, aber ich versteh´ es nicht. Alle schauen mich an…. ich husche ins Klo …. als ich rauskomme wasche ich mir schnell die Hände. Dabei werde ich von allen Frauen und Kindern zaghaft berührt und die Frau, welche mich wohl gerade erst verflucht hatte bietet mir nun ihre Rupies an….unfassbar, warum das denn…? Ich mag doch ihr Geld nicht haben, sie braucht es so viel viel viel mehr als ICH.. !!!! Also hallo NEIN, das möge sie bitte behalten …. ich bedeute ihr das mit Gesten an, berührte nochmals ihr Haar, streichle sanft über ihr Gesicht, ganz faltig, und spreche ein paar Worte in der Elbensprache zu ihr. Nun weint sie, schluchtzt laut auf, beugt sich nach unten, oh jehmineh NEIN, der Urin…nicht im Gesicht bitte….

Draußen Sonnenschein und eine Pfütze frischen Regens für die Füsse. Oh tut DAS gut, wie schön, dass es frisch geregnet hatte! Dann ein warmer Windhauch, der durch mein Haar weht und zarter Blumenduft aus den Sträuchern. Hach DANKE ihr lieben Sylphen in der Luft und ihr fleissigen Blumenelfen. „Immer gerne, liebe Sian!“ Bussi an die Sylphen in der Luft und Küsschen an die Elfen. Dann aber schnell die Schuhe holen und weiterlaufen!

Unten buhlen die Rigschafahrer um die Wette. Man hört sie schon von weitem. Denn es ist total laut und aggressiv. Sie scheuchen sich gegenseitig weg, zerren an den Kitteln.. uah, wie laut und aufdringlich, ich weiß schon wieder nicht, wie ich mich verhalten soll und überlasse das Guido. Er handelt einen Preis aus. Ich bemerke, dass wir mal wieder über´s Ohr gehauen werden. 200 Rupies…? HALLO, das ist zu VIEL…ich mache meinen Mund auf und ernte von Guido genervtes Augenverdrehen. Huch jeh, darf nicht sagen? Warum tut mir das nur so weh? Schluck. Atmen, Sian. Na gut, atmen. Anschauen. Der Fahrer, hm….nun ja…ich hab echt mal wieder gar kein gutes Gefühl…sag ich auch…die Mundwinkel von Guido fallen nach unten….ach Mensch, tut mir das weh…wenn ich nur wüsste, was hier das Lernstück ist! Es muss ja wohl ein Lernstück sein… Mist. Ich bekomm´vor lauter Kloss im Hals mein Mund nicht mehr auf, schluck das, was ich nicht benennen kann runter, steige in die Rigscha ein, nehme mein Handy raus und filme die Fahrt.  Sie endet im Nirgendwo. Denn die Rigscha hat kein Sprit mehr. Wir müssen aussteigen. Es sei nicht mehr weit sagt der Fahrer, streckt seine Hand aus und begehrt das ausgehandelte Geld. Wie jetzt, das GANZE Geld? Wir sind doch noch meilenweit vom Hotel entfernt… Guido zückt den Geldbeutel…wie…er wird doch nicht…? Der Geldbeutel ist nun offen, der Fahrer sieht das ganze Geld….seine Augen weiten sich, sein Mund fällt nach unten, die Mundwinkeln zucken auf….voller Gier schaut er auf die vielen Scheine, oh jeh! Ich sage es dem Guido, dass der Fahrer das ganze Geld sieht…Guido fühlt sich unter Druck, ich spüre es und entschuldige mich auch gleich dafür. Ach scheisse, ich hab´s einfach nur verhindern wollen, aber ja, ich mach´ wohl alles einfach nur falsch. Wenn ich nur wüsste, wie´s „richtig“ geht. Schweigen ist´s doch auch nicht !!! Wir laufen, sprechen darüber. Haben auch VIEl Zeit zum sprechen, denn heh, es ist LANG, das angeblich kurze Stück noch. Wir laufen, laufen, laufen und laufen. Werden ständig angequatscht, ob wir was kaufen wollen. Eine Uhr Sir? Eine Sonnenbrille? Eine Mango? PUH. NEIN. Ah vergessen? Nein gibt es ja nicht. Soso, gibt es nicht, aha. Ich beschließe, dass es das DOCH gibt und werde resoluter: – N E I N!  – Ausrufezeichen.  – Hui, funktioniert! Ha! Brüllen wie ein Löwe muss man wohl!

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Bem Laufen hat man dann auch noch jene Zeit, sich alles anzuschauen. Hier hat jemand ein Bild gemalt, an einer ansonsten nackten Betonwand einer Unterführung, 10 m auf 5 meter groß. WOW, so viel Kunst und ausgerechnet ein Löwenpärchen! Einfach mal brüllen, dann sitzen und genießen. Ausstömen, dass man weiss, was man tut und dann auch mal genießt, wie diese beiden Löwen da. Jeder erfüllt seinen Part. Schön. Das wäre also der Idealfall. Ich lächle, dass außgerechnet dies´ Löwenbild da gemalt wurde.

Doch dann spüre ich Schmerzen beim Laufen und mag mich am liebsten einfach mal hinsetzen. Ausruhen. Etwas trinken. Wo sind wir nur? Ach, keine Ahnung. Jeder sagt was anderes. Laufen, laufen, laufen. Komm mir vor wie in der Savanne. Zwei Stunden später bin ich am Ende meiner Kraft anbelangt. Ich spüre, wie Teile meinen Körper verlassen. Ich schwebe mehr als ich gehe und kann auch meinen Körper nicht mehr kontrollieren. Mir wird alles egal. Ich kann einfach überhaupt nicht mehr und torkle durch die Gegend weil meine Beine versagen. Guido macht sich Sorgen. Ich spüre, dass er das ernst meint. Ich versuche mich daher zusammenzureissen. Mit Ach und Krach kommen wir im Hotel an. Ich bin total am Ende meiner Kraft und habe wahnsinnige Schmerzen. Guido fackelt nicht lange rum und behandelt mich. Ich spüre, wie sich die Energie durch die Hände über die Bauchdecke bis hin zum Krebs vorbewegt. Er greift in mich hinein. Uah, ich kann es total spüren. Ich bemerke, dass es Guido auch so wahrnimmt. Eine Ebene. Gleichklang. Dann umfasst er es, bis es in seiner Hand liegt. Ganz ruhig ist er dabei. Mein Herz rast. Mein Atmen kommt und geht stossweise. Ich fühle, wie er es umfängt und wie es da in seiner Hand liegt. Ich fühle, dass er vorhat es herauszuziehen und halte mich an seiner Hand fest. Er schaut mich unentwegt an und zieht es dann, ohne etwas zu sagen, mit einem Ruck heraus. Ich erschrecke und krümme mich vor Schmerz. Oh mein Gott, tat das weh. Ich schließe meine Augen und sehe auf energetischer Ebene, wie ein dunkelroter blutiger Fetzen in seiner Hand hängt. Ahhhhhhhhhhhhhh sind das Schmerzen. Ich weine. Das ist nun sicher nicht löwig, aber ja, ich bin ja auch keiner.