Der Bahnhof ist eine wahre Augenweide. Ich bin erleichtert, so einen schönen Bahnhof vorzufinden. Doch viel Zeit, ihn zu bestaunen haben wir nicht, wir werden von zig Bettlern und Taxifahrern angesprochen. Ein lautes Durcheinander an Stimmen. Man wird erschlagen. Alle Touristen werden, sobald sie aus dem Zug kommen sogleich umringt. So also auch wir. Wir haben keine Lust, in der nachmittäglichen Hitze umherzuirren und lassen uns auf einen sympatischen Taxifahrer ein. Miriam mit ihrer Erfahrung gab uns ja genügend Instruktionen mit auf den Weg und so sagen wir klipp und klar, wohin wir wollen, denn „unser“ Hotel, in das wir wollen, hatten wir bereits in Bangalore in abendlichem Hineinspüren aus dem Reiseführer als Ziel festgelegt. Es fehlte also nur noch, einen guten Preis auszuhandeln BEVOR wir ins Taxi steigen und wir wussten ja nun, welcher Preis für die Strecke, die wir ebenfalls im Vorfeld ausgerechnet hatten als angemessen und somit als akzepabel galt. Die Summe die er fordernd nennt ist horent. Er schaut dabei ganz seltsam aus. Lauernd, listig, ganz eine seltsame Energie ist das auf einmal, mir ist gar nicht mehr wohl und schaue mir das aber an. Er scheint auch besetzt zu sein, das ist mir ja zu Beginn gar nicht aufgefallen….war ich zu beschäftigt mit der Freude? Weil ich den schönen Bahnhof betrachtete?

Guido verhandelt ein wenig. Ich schlucke meine Kommentare runter, sehe es als „Männersache“, so wie im Orient, obwohl ich mittlerweile bemerkt habe, wie laut auch die Frauen hier verhandeln….doch ich mische mich nicht ein. Sie werden sich einig und wir folgen ihm. Doch wo ist denn nur sein Auto? Er geht in einem schnellen Schritt, in einem VIEL zu schnellen Schritt, den ich rein körperlich gar nicht packen kann, mit all dem Gepäck und in der Hitze…. ich versuche mitzuhalten, der Schweiss rinnt mir über meine Wangen, alles beginnt zu schmerzen. Er geht mit uns um die Bahngleise herum, dann über die Bahngleise. Hm, wo er uns da wohl hinführt? Seltsame Energien, ich werde unruhig. Ob das wirklich DIE gute Wahl war…? Mag mich da nicht weiter hineinsteigern, nicht dass ich dann dadurch noch all das, was ich ja gar nicht erleben mag anziehe. Ich versuche ruhig zu bleiben, aber mein Herz ist zusammengezogen und fühlt sich wie ein Klumpen an. Uh, nicht gut. „Auswirkungen“ murmelt Dim-Hie-Trie. Nun gut, Auswirkungen. Und von was genau? „Magst das wissen?“ frägt er. Klar mag ich das.

Boah, wie weit ist das noch…. kommen wir überhaupt an…??? Ich sehe vor meinem geistigen Auge seltsame Szenarien, sehe die Schattenwesen, die über dem Taximann sind, die in ihn greifen. Sehe Bilder, geistige Bilder, von Komplitzen, die wo auflauern und erblicke vor meinem geistigen Auge ausgeraubte Touristen….uh, wie plastisch, das wird doch nicht geschehen…ich sehe es so deutlich, als ist es da.

Ich ermahne mich zur Ruhe…. nicht in die Energie gehen! Nun merke ich, dass ich mich zu weit vorgewagt habe und mich wohl doch zu stark mit den Energien der Schattenwelten auseinandergesetzt habe…. locker bleiben jetzt…. und einen klaren Kopf bewahren. Dim-Hie-Trie läuft doch ganz ruhig, also alles in Ordnung. Wirklich? Ich bemerke, wie ich immer langsamer werde. Die beiden sind schon mehrere Meter weg. Ich bin in einer kompletten Blockade. Am liebsten mag ich mich hinsetzten, ein paar Minuten alleine sein, mit der Natur hier und die Blumen auf dem Weg betrachten. Ich mag auch die Naturwesen hier begrüßen, die so lieblich lächeln und sich darüber freuen, dass sie gesehen werden. Ich fühle mich erschöpft, die Bauchspeicheldrüse, oder die Wunde, ich weiß nicht was genau, doch es tut so schrecklich weh und mein Rücken schmerzt daher. Es zieht mir auch so arg ins Kreuz….. Mann, ist das schwer, all das Gepäck, was habe ich mir nur dabei gedacht, so viele Sari´s zu kaufen… Gott, ist das weit….die beiden warten. Guido frägt, ob alles ok ist. Ich murmle ein „ja, alles ok.“ Immerhin habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich soeben gelogen habe. Doch ich will ihn nicht auch noch anstecken…

Endlich kommen wir an einen Platz, wo viele Busse und Taxi´s stehen. Ich bin erleichtert. Er schließt ein Auto, das die besten Zeiten sicherlich schon lange hinter sich hat auf, doch egal, besser als laufen…. doch bringt er uns auch dahin, wo wir hin wollen..? Ah, er sieht so komisch aus, seine Stimme, sein Ausdruck in den Augen, ich traue ihm nicht… und die Augen sind auch so gelb… „jetzt reiss Dich aber zusammen !!!“ schelte ich mich. Dim-Hie-Trie streichelt mit seinen Sonnenhänden meine Hand und sagt: „Sian, nicht hineinsteigern, schau mal, was da hängt.“ Wo? „Hier, im Auto.“ Freude in meinen Augen, als ich den Ganesha in seinem Auto erblickte. Mein zusammengezogenes Herz macht einen Freudenhüpfer, ich liebe Ganesha…. ein geschmückter Elephant ist er für mich und ich liebe Elephanten….ich habe gelesen, dass jede Puja, also jeder hinduistische Gottesdienst, mit einem Gebet an ihn beginnt. Das ist doch ein gutes Zeichen, dass er da hängt….“Stelle eine Verbindung her.“ sagt Dim-Hie-Trie. Ich weiß nicht, was genau er nun mit „Verbindung herstellen“ meint, aber ich LIEBE Ganesha, schon als Kind fand ich ihn ganz wunderbar. Ich empfand seine Energie von jeher als sehr beruhigend und sehr liebevoll. „Ganesha“, im Sanskrit Gaṇeśa, setzt sich zusammen aus „Gana“, was soviel wie „Schar, Gefolge“ bedeutet sowie „Isha“, was „Herr“ bedeutet. Sein Name bedeutet also „Herr der Scharen“. Es gibt auch die Bezeichnung Ganapati, dies bedeutet „Gebieter der Scharen“ oder auch Vinayaka, der „Entferner der Hindernisse“ und Vighesha, den „Herrn über die Hindernise“. Freu. Schöne Energie.

„Eigendlich ja kein Wunder, dass er da hängt“ sagt da auf einmal mein Verstand, „…denn er wird angebetet, wenn man Glück für den Weg oder eine Unternehmung erhalten mag. Viele haben auch nur einen, weil sie sich dadurch Reichtum erhoffen….“ – „Äh, hallo….? Er steht doch auch für jeden Neuanfang und verkörpert Ruhe, Weisheit und Intelligenz! Zu seinen Angelegenheiten gehören die Poesie, Musik, Tanz und Wissenschaften. Er ist eben eine Art Schutzpatron.“ sagt mein Herz zum Verstand. Doch der Verstand sagt weiter: „…die meisten Kaufleute betrachten ihn darum nur als ihren Schutzherrn…“- “ Ja sag mal, Verstand, Schluss jetzt! Für viele fromme Hindus ist es das erste, was in ein neues Haus kommt, eine Statue des Ganesha. Diese segnet das Haus und verheißt Glück, Ruhe, Kraft, Ausdauer und ja, sicher auch Wohlstand, aber….“ Hu, was ist das denn für ein Gespräch… „Also hallo, kein Wunder, dass er da hängt.“ meint der Verstand. Es beruhigt mich trotzdem dass er da ist! So. PUNKT.

Guido bemerkt, dass mich etwas doch SEHR beschäftigt und frägt, ob ich denn überhaupt ins Auto einsteigen mag…? Erst jetzt bemerke ich, dass ich einfach nur da stehe, ohne Anstalten zu machen in das Auto zu steigen.  Ich spüre hinein. Stelle eine Verbindung zu meinem pochenden Klumpenherzen her und lasse Weite und Kraft hineinströmen. „Eine Verbindung herstellen“  Hm…wie auch immer das gemeint war, ich atme, atme , atme….und Weite und Raum entsteht. Dann sammle ich meine Kraft, bündle sie,  schaue dem lauernden Blick des Fahrers standhaltend in die Augen, biete der Energieform die Stirn und spreche mit klaren, deutlichen Worten und fester Stimme auf den Ganseha an. Dass ich ihn LIEBE, ehre und wertschätze. Wie Maria. SO, das ist also gesagt. Die Augen des Taximannes verändern sich. Alles „Negative“ um ihn herum fällt ab, verpufft, löst sich auf. Er lächelt und neigt seinen Kopf. „Ja, nun passt es, wir werden sicher ankommen.“ Bin ich froh, die Verbindung wieder zu haben…