November Rain

Der Gang zum Gewächshaus durch das Restaurant allein schon war wieder ein Erlebniss. Es setzt einen zurück an die Zeit, in der das British Raj war. Wir kommen auch nicht umhin die schönen restaurierten alten britischen Bungalow zu bestaunen.

sian handy indien un konfi 1039

Wo man auch hinschaut: überall ist es gepflegt. Elegant repräsentiert es den kolonialen Stil vergangener Hilstationstage. Dabei liegt das Haus so versteckt, dass man die allergröße Mühe hat es zu finden, wenn man nicht genau wüßte, wo es ist. Doch kein Wunder, dass es Dim-Hie-Trie gefunden hat.

Royal Holzfußboden, der knirscht wenn man auf ihm läuft. Die kleinen Tische im Zimmer vor dem Gewächshaus hinter dem Salon aus geöltem Holz. Eingedeckt mit cremefarbenen Stoffservietten und polierten Wassergläsern. Auf jedem Tisch kleine Blumenvasen, in denen eine einzelne Blüte aus dem Garten aufrecht wie eine Kerze steht. In den nach Westen gehenden Zimmern sind die Tische aus Glas, mit metallenen Stühlen, auf denen dicke weiße Kissen liegen. Überall Dekor aus kolonialem Stil. Blumenvasen aus Silber, üppig gefüllt mit Blumen aus der Anlage. In fast jedem Raum ein offenes Feuer, mit Holzscheiten davor. Die einzelnen Räume wie Zimmer, als abgeteilte Speiseräume, so dass es jedem ein wenig Privatsphäre bietet.

Ein Blick auf die Speisekarte verrät, dass in der Küche Nord-indisch, chinesisch und kontinentales Essen zubereitet wird, man darf auf den Abend gespannt sein. „Es schmeckt ausgezeichnet, ihr w e r d e t es erleben“ sagt Dim-Hie-Trie, der gerade mit spitzen Fingern seinen Tee umrührt. Sorgsam hatte er das Teesieb herausgeholt denn „der Tee hat nun drei Minuten gezogen.“ Umrühr. Im Uhrzeigersinn. „Und man braucht Geduld, heute ist eine große Veranstaltung. Dabei dauert es auch ohne schon Stunden. Der Service geht recht langsam voran.“ Ach so? Na sooo schlimm kanns ja nicht sein und habe dennoch ein mulmiges Gefühl. Vieleicht liegt es aber auch daran, weil ich zuvor an den Ahuja Lautsprecher stand und an den ersten Besuch, als das Lied „November-Rain“ lief dachte? „Da muss man sich wohl warm anziehen“ war meine Wahrnehmung. Ist das angesagt…? Ich habe den Eindruck, dass eine Lawine über uns allen zusammen brechen wird, dass wir alle kniehoch im Schlamm versinken. Es scheint in der Zukunft zu liegen. Ganz seltsam ist das, mir ist ganz schlecht. Und kalt. Ich bekomme daher nun große Lust zu baden und all die Seifchen auszuprobieren. Den Nachmittag verbringe ich lieber „ganz für mich“ in der Wanne und lasse meine Gedanken schweifen. Vieleicht kann man da ja wie mit dem Wetter auch, „was drehen“, was abwenden, man hat ja wohl „die freie Wahl“…!!! Oder etwa nicht!?

November Rain.

„Wenn ich in deine Augen schaue, dann kann ich eine unterdrückte Liebe sehen
und wenn ich dich halte, ist dir dann nicht klar, dass ich Gleiches empfinde?
Doch nichts währt für immer
und wir beide wissen, dass Herzen sich ändern können und
es ist schwer, eine brennende Kerze zu halten
im kalten Novemberregen

wir haben all dies nun erlebt
seit so langer, langer Zeit
und haben versucht, den Schmerz zu betäuben
aber Liebhaber werden immer kommen
und Liebhaber werden immer gehen
und niemand weiss wirklich genau
wer heute aufgeben
und davongehen wird

wenn wir uns die Zeit nehmen könnten
Klarheit zwischen uns zu schaffen
dann könnte ich meinem Kopf Ruhe gönnen
und wüsste einfach, dass du “mein” wärst
ganz mein….
Wenn du mich also lieben willst, dann halte nichts zurück
sonst werde ich am Ende doch noch hinausgehen
in den kalten Novemberregen.

Brauchst du etwas Zeit … ganz für dich?
Brauchst du etwas Zeit … ganz allein?
Jeder braucht ein wenig Zeit … ganz für sich.

Weisst du denn nicht, dass du etwas Zeit brauchst …ganz allein?
Ich weiss, es ist schwer sein Herz offen zu halten
wenn sogar Freunde darauf aus zu sein scheinen, dich zu verletzen.
Aber wenn du ein gebrochenes Herz heilen könntest
würde dir die Zeit dabei nicht hilfreich beistehen?
Manchmal brauche ich etwas Zeit … für mich
manchmal brauche ich etwas Zeit … ganz allein
jeder braucht ein wenig Zeit … ganz für sich
weisst du nicht, dass du etwas Zeit brauchst …
ganz allein.

Und wenn deine Ängste vergehen, die Schatten noch immer bleiben
wenn niemandem mehr die Schuld gegeben werden kann

dann weiss ich, dass du mich wirklich lieben kannst

kümmere dich nicht um die Finsternis
denn wir könnten trotzdem einen Weg finden
denn nichts währt für immer
nicht einmal der kalte Novemberregen!“

Das Wasser ist kochend heiß. Ich lasse nachlaufen und genieße den Luxus, den ganzen Nachmittag in einem heißen Bad sitzen zu können. Ich denke nach und beschließe: „Das mag ich nicht erleben. Alles kann man ändern, man hat schließlich die Wahl. Und basta.“

Am Abend brennt in allen Kaminen Feuer.

sian handy indien un konfi 1059

Alles schaut harmonisch aus. Na also. Alles ist doch wunderbar. Dim-Hie-Trie schaut fein aus und lächelt still. Er schaut auf die Uhr. Sie scheint langsamer zu gehen. ich will mich gerade entspannt zurück lehnen als er mir in die Augen schaut und sagt: „Alles wird eines Tages einen einholen. So ist das eben mit der Zeit, wenn sie eingeholt wird.“ Dann gehen die Türen auf. Es ist, als würden von überall Gäste eintreffen. Die Ober kommen nicht mehr hinterher, es ist ein Ansturm der seinesgleichen sucht. Wie, als würden Heuschrecken einfallen. Es gibt kein Entrinnen, definitiv. „Manchmal versinkt man im Schlamm und kann nichts tun. Rudern würde einen noch tiefer sinken lassen. Und manchmal, da muss man eben die Suppe auslöffeln.“ Oh Dim-Hie-Trie, mir ist doch eh schon schlecht. Und die von mir bestellte Suppe ( wie sinnbildlich ) schmeckt erst genial und dann seifig, künstlich und ABSOLUT wiederlich. Vieleicht ist ja nur die Küche überfordert, was ich definitiv verstehen kann. Ich ordere einen Pfefferminz Tee. Der nie kommt. „Muss ich ihn selbst anbauen.“ denke ich wohl laut, denn Dim-Hie-Trie sagt: „Und ein Gewächshaus dazu“ – „Klar doch, ein grünes, im viktorianischen Stil wenn ich da lebend rauskomm!“ War ironisch gemeint aber „das zählt ja nicht“ weiß Dim-Hie-Tie. „Ich nehme Dich beim Wort. Und alle anderen ebenfalls.“

Auf Essen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie so lange gewartet. Es bleibt viel Zeit, um nachzuspüren (und nun aus dem Nachhinein betrachtet nachzuspüren) wohl um damals, in jenen Tagen, einen Vorgeschmack zu bekommen was in der Zukunft noch parat liegt, womit ich im Leben nie gerechnet habe… „Alle anderen auch nicht“ sagt Dim-Hie-Trie. „Es offenbart sich einem jeden erst im Nachhinein den Sinn, aber darum ist man ja da: Um zu erfahren, warum man gehandelt hat wie man gehandelt hat.“

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