Mittlerweile ist es Nacht geworden. Hier oben in den Bergen ist der Nachhimmel so dunkel, dass die Sterne wie aus einem dunklen Samtbett heraus als glitzende Lichtpunkte hell aufleuchten. Die Fahrt wird nun sehr beschwerlich denn nun führt der Weg von der Pass-Strasse rechter Hand steil abwärts wieder hinab ins Tal. Tiefe Schlaglöcher und hartes Gneisgestein, letzeres so alt wie die Welt, setzt dem Auto mächtig zu. Ein Geländefahrzeug wäre sicherlich angebracht. Die Stossdämpfer ächtzen. Unser Fahrer ist angespannt. Ich bete, dass das schöne Auto unseres Fahrer keinen Achsenbruch erleidet.

Nach einer fast endlos erscheinenden Zeit gelangen wir zum Champ, wo wir sehr herzlich empfangen werden. Unser Fahrer ist unendlich erleichtert, dass wir endlich angekommen sind. Er hat noch eine lange Fahrt vor sich und will sich daher schnell verabschieden. Vor lauter „schnell schnell“ übersehen wir die Plastiktüte, in der meine Schuhe geparkt sind. Immerhin fällt es mir beim Hinterherwinken ein, als ich im Geiste nochmals die Route durchging und was wir alles gemeinsam erlebt hatten. So viele Eindrücke und Empfinden, so viele Bilder… bis mir das Bild seines entsetzten Gesichtes, als ich die Schuhe in die Plastiktüte wickelte einfiel. Doch da war er schon in einer Staubwolke eingehüllt auf dem Weg nach oben. Und so sehe ich sie nie mehr wieder, meine guten ESPRIT Schuhe, ein Jammer.

Das Camp liegt mitten im Urwald und ist mit kleinen Lichtern erleuchtet. Im mit Palmblättern überdachten Rundhaus bekommen wir einen köstlich frischen Tee und erhalten eine Einweisung, wie wir uns zu verhalten haben. Guido wird ein Funkgerät überreicht, wo wir uns melden sollen, so dass ein für uns zuständiger, persönlicher ( ! ) Führer uns sicher durch das Camp führen kann. Na so was, wo sind wir denn hier gelandet? Ist es so weitläufig? Überall sind doch Lichter…Nein, am Baumhaus nicht, der Weg führt durch den Wald. Und über den Fluss. Und es kann Großwild geben. Und Schlangen. Wir sollen nicht ohne unseren Führer gehen. Hm. Wir warten, etwas klamm über all die Einweisungen, auf den Führer, der uns mit einer Taschenlampe zum Baumhaus bringen wird. Bald bietet sich uns ein sehr eindrückliches Erscheinungsbild: Unser persönlicher Führer ist bekleidet, ja, aber nur mit einem weißen Lendenschurz und trägt eine Manchete am Bund. Seine dunklen Augen mustern uns intensiv.. Wir haben unsere Stirnlampen aufgesetzt, schnappen unsere Umhängetaschen und laufen ihm hinterher.

Die Geräusche im Wald klingen fremd in unseren Ohren. Das Rauschen eines Flusses mischt sich mit ihnen. Immer lauter, bis wir vor einem breiten Fluss stehen. Der Führer hält an und zeigt auf ihn. Anscheinend sollen wir hier den Fluss überqueren? Im Schein der Lampen erkennen wir, dass in ca. einem Meter breiten Abständen Sandsäcke als Trittsteine zwischen den Steinen liegen. Auf diesen sollen wir es schaffen, auf die andere Seite zu kommen? Wie tief mag der Fluss wohl sein? Wir sinnieren, um alles abschätzen zu können. Der Führer ist barfuss. Hm, wohl nicht ohne Grund. Ich ziehe also die Schuhe aus. Er sagt etwas, doch außer „Sir“ verstehen wir nicht, was er uns sagen mag. Tamil verstehen wir ja nicht. Dann läuft er los, tritt gewand und sicher über die flachen Steine und die Sandsäcke. Ich spüre mich in den Fluss. Berühre mit den Füssen den ersten Sandsack. Er fühlt sich weich an und gibt nach. Ein geniales Gefühl. Das Fließen des Wassers beruhigt mich. Der Geist des Flusses fühlt sich gut an, er gefällt mir. Mit geschlossenen Augen atme ich ihn ein und tauche meine Füsse in sein Element. Wie frisch sich das Wasser anfühlt! Im Fluss scheint es Strömung zu geben, es gibt viel Sauerstoff in ihm. Wir jonglieren über den Fluss, kommen trocken drüben an und sind SEHR stolz, nicht ins Wasser gefallen zu sein.

Der Führer heisst mich an, die Schuhe wieder anzuziehen. Er bleibt derweil stehen, eine Hand an der Manchete. Am Fluss entlang führt nun ein kleiner schmaler Pfad. Rechter Hand erscheint aus der Schwärze der Nacht eine Art Wand. Sie scheint aus Stein. Der Führer hält duckend inne, bleibt stehen und lauscht in die Nacht. Seine Augen glitzen, was er sagt verstehen wir nicht. Großwild kann im Wald sein. Tiger? Panther? Wir sollen wohl endlich leiser sein und nicht so viel Krach machen. Ohne weiteres Gespräch erreichen wir das Baumhaus, das in luftiger Höhe über dem Fluss zu schweben scheint. Eine mehr als leichte Höhenangst beschleicht mich. Da soll man sicher hoch kommen…? Mitten in der Nacht…? Ein steiler schmaler Tritt erwartet uns. An diesen Stricken sollen wir uns festhalten? Alles wacklelt, es ist ein Alptraum….und nichts für Menschen mit Höhenangst! Ich bin froh, als es geschafft ist und die Falltüre zu ist.

Nun sind wir also angekommen. Im Baum-Haus. Es riecht nach Nacht. Nach Natur. Nach Holz und Baumsaft. Nach Blättern und Harz. Ich schließe die Augen und höre Ameisen laufen. Mei sind die groß…ich kann Spinnen an den Wänden lauern fühlen und mache lieber wieder die Augen auf. Dicke Äste, auf einem kann man sitzen. An der Decke über dem mit einem Moskitonetz bespannten Futonbett hängt ein Gemälde von Krishna. Es gibt Fenster und zwei Türen. Eine davon führt nach draußen. Ein schmaler Balkon mit zwei Stühlen, wo man sicherlich hinunter auf den Fluss schauen kann. Die andere führt hinein ins Bad. Es gibt eine Solardusche, genial. Der Duschablauf: Bretter, wo man weit nach unten sieht. Etwas huscht schnell weg. Die Toilette ist zum knien. Der Waschtisch ist schön, er gefällt mir! Es gibt Kerzen an den Wänden. Und es gibt sogar Licht im Baumhaus. Bilder kann ich Euch erst morgen zeigen, es ist zu dunkel zum fotografieren.