Daily Archives: 17.5.2013

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November Rain

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Der Gang zum Gewächshaus durch das Restaurant allein schon war wieder ein Erlebniss. Es setzt einen zurück an die Zeit, in der das British Raj war. Wir kommen auch nicht umhin die schönen restaurierten alten britischen Bungalow zu bestaunen.

sian handy indien un konfi 1039

Wo man auch hinschaut: überall ist es gepflegt. Elegant repräsentiert es den kolonialen Stil vergangener Hilstationstage. Dabei liegt das Haus so versteckt, dass man die allergröße Mühe hat es zu finden, wenn man nicht genau wüßte, wo es ist. Doch kein Wunder, dass es Dim-Hie-Trie gefunden hat.

Royal Holzfußboden, der knirscht wenn man auf ihm läuft. Die kleinen Tische im Zimmer vor dem Gewächshaus hinter dem Salon aus geöltem Holz. Eingedeckt mit cremefarbenen Stoffservietten und polierten Wassergläsern. Auf jedem Tisch kleine Blumenvasen, in denen eine einzelne Blüte aus dem Garten aufrecht wie eine Kerze steht. In den nach Westen gehenden Zimmern sind die Tische aus Glas, mit metallenen Stühlen, auf denen dicke weiße Kissen liegen. Überall Dekor aus kolonialem Stil. Blumenvasen aus Silber, üppig gefüllt mit Blumen aus der Anlage. In fast jedem Raum ein offenes Feuer, mit Holzscheiten davor. Die einzelnen Räume wie Zimmer, als abgeteilte Speiseräume, so dass es jedem ein wenig Privatsphäre bietet.

Ein Blick auf die Speisekarte verrät, dass in der Küche Nord-indisch, chinesisch und kontinentales Essen zubereitet wird, man darf auf den Abend gespannt sein. „Es schmeckt ausgezeichnet, ihr w e r d e t es erleben“ sagt Dim-Hie-Trie, der gerade mit spitzen Fingern seinen Tee umrührt. Sorgsam hatte er das Teesieb herausgeholt denn „der Tee hat nun drei Minuten gezogen.“ Umrühr. Im Uhrzeigersinn. „Und man braucht Geduld, heute ist eine große Veranstaltung. Dabei dauert es auch ohne schon Stunden. Der Service geht recht langsam voran.“ Ach so? Na sooo schlimm kanns ja nicht sein und habe dennoch ein mulmiges Gefühl. Vieleicht liegt es aber auch daran, weil ich zuvor an den Ahuja Lautsprecher stand und an den ersten Besuch, als das Lied „November-Rain“ lief dachte? „Da muss man sich wohl warm anziehen“ war meine Wahrnehmung. Ist das angesagt…? Ich habe den Eindruck, dass eine Lawine über uns allen zusammen brechen wird, dass wir alle kniehoch im Schlamm versinken. Es scheint in der Zukunft zu liegen. Ganz seltsam ist das, mir ist ganz schlecht. Und kalt. Ich bekomme daher nun große Lust zu baden und all die Seifchen auszuprobieren. Den Nachmittag verbringe ich lieber „ganz für mich“ in der Wanne und lasse meine Gedanken schweifen. Vieleicht kann man da ja wie mit dem Wetter auch, „was drehen“, was abwenden, man hat ja wohl „die freie Wahl“…!!! Oder etwa nicht!?

November Rain.

„Wenn ich in deine Augen schaue, dann kann ich eine unterdrückte Liebe sehen
und wenn ich dich halte, ist dir dann nicht klar, dass ich Gleiches empfinde?
Doch nichts währt für immer
und wir beide wissen, dass Herzen sich ändern können und
es ist schwer, eine brennende Kerze zu halten
im kalten Novemberregen

wir haben all dies nun erlebt
seit so langer, langer Zeit
und haben versucht, den Schmerz zu betäuben
aber Liebhaber werden immer kommen
und Liebhaber werden immer gehen
und niemand weiss wirklich genau
wer heute aufgeben
und davongehen wird

wenn wir uns die Zeit nehmen könnten
Klarheit zwischen uns zu schaffen
dann könnte ich meinem Kopf Ruhe gönnen
und wüsste einfach, dass du “mein” wärst
ganz mein….
Wenn du mich also lieben willst, dann halte nichts zurück
sonst werde ich am Ende doch noch hinausgehen
in den kalten Novemberregen.

Brauchst du etwas Zeit … ganz für dich?
Brauchst du etwas Zeit … ganz allein?
Jeder braucht ein wenig Zeit … ganz für sich.

Weisst du denn nicht, dass du etwas Zeit brauchst …ganz allein?
Ich weiss, es ist schwer sein Herz offen zu halten
wenn sogar Freunde darauf aus zu sein scheinen, dich zu verletzen.
Aber wenn du ein gebrochenes Herz heilen könntest
würde dir die Zeit dabei nicht hilfreich beistehen?
Manchmal brauche ich etwas Zeit … für mich
manchmal brauche ich etwas Zeit … ganz allein
jeder braucht ein wenig Zeit … ganz für sich
weisst du nicht, dass du etwas Zeit brauchst …
ganz allein.

Und wenn deine Ängste vergehen, die Schatten noch immer bleiben
wenn niemandem mehr die Schuld gegeben werden kann

dann weiss ich, dass du mich wirklich lieben kannst

kümmere dich nicht um die Finsternis
denn wir könnten trotzdem einen Weg finden
denn nichts währt für immer
nicht einmal der kalte Novemberregen!“

Das Wasser ist kochend heiß. Ich lasse nachlaufen und genieße den Luxus, den ganzen Nachmittag in einem heißen Bad sitzen zu können. Ich denke nach und beschließe: „Das mag ich nicht erleben. Alles kann man ändern, man hat schließlich die Wahl. Und basta.“

Am Abend brennt in allen Kaminen Feuer.

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Alles schaut harmonisch aus. Na also. Alles ist doch wunderbar. Dim-Hie-Trie schaut fein aus und lächelt still. Er schaut auf die Uhr. Sie scheint langsamer zu gehen. ich will mich gerade entspannt zurück lehnen als er mir in die Augen schaut und sagt: „Alles wird eines Tages einen einholen. So ist das eben mit der Zeit, wenn sie eingeholt wird.“ Dann gehen die Türen auf. Es ist, als würden von überall Gäste eintreffen. Die Ober kommen nicht mehr hinterher, es ist ein Ansturm der seinesgleichen sucht. Wie, als würden Heuschrecken einfallen. Es gibt kein Entrinnen, definitiv. „Manchmal versinkt man im Schlamm und kann nichts tun. Rudern würde einen noch tiefer sinken lassen. Und manchmal, da muss man eben die Suppe auslöffeln.“ Oh Dim-Hie-Trie, mir ist doch eh schon schlecht. Und die von mir bestellte Suppe ( wie sinnbildlich ) schmeckt erst genial und dann seifig, künstlich und ABSOLUT wiederlich. Vieleicht ist ja nur die Küche überfordert, was ich definitiv verstehen kann. Ich ordere einen Pfefferminz Tee. Der nie kommt. „Muss ich ihn selbst anbauen.“ denke ich wohl laut, denn Dim-Hie-Trie sagt: „Und ein Gewächshaus dazu“ – „Klar doch, ein grünes, im viktorianischen Stil wenn ich da lebend rauskomm!“ War ironisch gemeint aber „das zählt ja nicht“ weiß Dim-Hie-Tie. „Ich nehme Dich beim Wort. Und alle anderen ebenfalls.“

Auf Essen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie so lange gewartet. Es bleibt viel Zeit, um nachzuspüren (und nun aus dem Nachhinein betrachtet nachzuspüren) wohl um damals, in jenen Tagen, einen Vorgeschmack zu bekommen was in der Zukunft noch parat liegt, womit ich im Leben nie gerechnet habe… „Alle anderen auch nicht“ sagt Dim-Hie-Trie. „Es offenbart sich einem jeden erst im Nachhinein den Sinn, aber darum ist man ja da: Um zu erfahren, warum man gehandelt hat wie man gehandelt hat.“

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Midsummer

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Unter uns, in 2250 Meter liegt sie, die kühle Schöne, Udagamandalam, eingebettet in die blauen Berge der Nilgiri´s. Der Blick schweift von der schmalen Klippe hinüber über das Tal zum Horizont, bleibt haften an den Spitzen der blauen Bergwipfeln, hier, an den Ausläufern der Westghats.

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Keines der beiden Zimmer, die wir vor ein paar Tagen anschauten war frei geworden. Wir bekamen daher das einzigste freie Zimmer und somit das Schloss zu Midsummer.

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Pflaumenblaue Blumen, als Strauch an kniehohen, weißlakiertem Sprossenfenster leuchten uns von darußen entgegen.

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Die Decken im Zimmer sind hoch, höher noch wie in meinem Häuschen in den Vogesen. Das Zimmer wirkt fast größer als mein gesamtes Stockwerk. Es ist das größte im Haus wurde uns gesagt. Die hohen Fenster lassen viel Licht herrein. Ein Lichtstrahl fällt auf den Spiegel des antiken Holzschrankes auf den verschnörkelten Waschtisch gegenüber. Es riecht nach Holzpolitur und den Blumen, die in einer kostbaren Vase auf dem runden Intarsientisch stehen, der von zwei roten Sesseln umsäumt wird. Die Füsse der Sessel sehen lustig aus mit ihren schmalen Stielfüssen. Es gibt auch ein Badezimmer, mit einer Wanne und eine Variation an kleinen Seifen in einer weiten ausladenden Schale. Und es gibt einen offenen Kamin, wo große Holzscheite sorgsam aufgestapelt für kalte Nächte liegen. Flauschige Decken zum einkuscheln liegen ebenfalls parat. Ich schaute verträumt auf den Kamin. Passt auch zu Midsummer, wo zu Ehren der sich verschenkenden Mutter Natur und der Sonne ein großes Feuer aufgeschichtet wird. Wo man mit blumengeschmücktem Haar einen Reigen tanzt, bei handgemachter Musik. Midsommer, „die Schöne“ , ein Fest des Glückes, der Freude, ein Fest, das in allen Welten gefeiert wird. Zauber schwebt an den lauen, mit Duft geschwängerten Abenden in der Luft. Ein Hinübergleiten können von der einen in die andere Welt ist ermöglicht. Sicher wusste das auch William Shakespeare. Warum sonst hätte er einst den Sommernachtstraum geschrieben? Ein Klassiker in allen englischsprachigen Ländern, eines der meistgespielten seiner Stücke. Unwillkürlich sehe ich die Erbsenblütenelfen, und den Puck, den intelligenten und überaus kräuterkundigen Zwerg. Und dass der Wald der Star ist. In der Aufführung dient er als lebende Kulisse für Menschen und Naturgeister. Im Wald wird es auch aufgeführt: Da treffen die zwei jungverliebten Lysander und Hermia auf ihrer Flucht, die sie ihrer Liebe Willen aus Athen flüchten läßt auf das Elfenkönigspaar Titania und Oberon. Auch Demetrius irrt herum, verfolgt von der ihm verfallenen Helena. Im Wald, der voller Mystik ist geraten sie in einen Zauberreigen von Waldgeistern und Elfen, deren König Oberon – selbst entzweit mit seiner Gemahlin Titania – den Puck angelassen hat ihm einen Zauber für seine Titania herzustellen. Doch jener streut allen Schlafenden eine Substanz, so dass sie beim Aufwachen stärkste Neigungen zeigen, sich in jene/r zu verlieben, die sie als Erste/n erblicken…und so wird Helena von Lysander und Demetrius umworben, währenddessen Hermia ihrem Schicksal überlassen wird..und der Puck macht sich einen Spaß, oder denkt sich was dabei, na ganz sicher tut er das, er ist ein Zwerg…und hält Titania ein Bild vor die Nase, mit einem , hm ich glaub´ es war ein Schafs- oder ein Eselskopf, in den sie sich unsterblich verliebt. Und so gerät der Plan des Oberon gehörig durcheinander…letzendlich jedoch wird alles gut und jeder findet sich, als der Zauber entzaubert wird. Des Puck´s letzte Worte waren: “ …und wenn wir Schatten Anstoß erregt haben, denkt daran, dass ihr hier geschlummert habt, während diese Visionen Euch erschienen. In der längsten Nacht, die voller Magie und Zauber ist.“

Midsummer. Der längste Tag. Dim-Hie-Trie lächelt still vor sich her ob meiner Gedanken und tut Kund, dass er gerne frischen grünen Tee im Gewächshaus trinken möchte.

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